Freitag, 1. Juni 2012

Freut Euch auf das Badener Stadtfest! (oder: ich habe die freie Wahl!)

Vorsicht, Ironie in Sicht

Piktogramm


Ich steige in den Bus der RVBW und fahre nach Baden. Mir ist bekannt, dass ich gefilmt werde - wie alle anderen auch - ohne Gage, ich muss dafür sogar noch bezahlen. Vor dem Einsteigen habe ich das Piktogramm aussen am Bus gesehen. Das nennt man dann nicht mehr filmen, sondern videoüberwachen.

Piktogramm


Im Bus glotzt mich die Kamera drohend an. Ich habe das Gefühl, dass die noch mürrischer sei als die Fahrgäste im Bus. Die Fahrgäste kann ich verstehen, betrachtet sie das Unternehmen des öffentlichen Verkehrs ja als potenziell gefährlich. Die muss man im Auge behalten - auch wenn es nur eines aus Kunststoff ist.

In meinem Lieblingsladen, dem Tabakladen neben dem Mr. PickWick habe ich noch keine Kamera entdeckt. Vielleicht ist sie nur gut getarnt. Ich vermute jedoch, dass hier keine potenziell gefährlichen Personen auftauchen, sondern nur Geniesser. Bei meinem nächsten Besuch frage ich den Besitzer.

Das Warenhaus Manor besuche ich heute nicht - da sind die Kameras überall, wahrscheinlich weil sich hier massenhaft potenziell gemeingefährliche Leute befinden.

Ich habe also die freie Wahl, ob ich gefilmt werden will oder nicht. Denn ich hätte ja auch nach Baden spazieren können, in 20 Minuten schafft man das auch in meinem Alter noch gut, wenn auch nicht immer locker...

Aber hallo! 20 Minuten? Da müsste ich mich vermummen, was ja verboten ist, oder einen ausgeklügelten Umweg nehmen, um ungefilmt zu meinem Lieblingsladen zu kommen. Und da genügen 20 Minuten bei weitem nicht.

In Baden werden von der "öffentlichen Hand" offiziell überwacht:



  • Stadtturmstrasse/Blinddarm (läge an meinem normalen Weg)

  • Schulanlagen

  • Wertstoffsammelstellen (2 lägen an meinem normalen Weg)

  • Amtshaus/Stadthaus

  • Promenadenlift/Limmatsteg (läge an meinem normalen Weg)

  • Metro Shop

  • Parkhäuser (Ländli, Klösterli, Tunnel, Theaterplatz, Bahnhof, Gstühl City, Gartenstrasse, Schmiede)

  • Gstühl-Platz

  • Berufsbildungszentrum Baden BBZ

  • Polleranlagen

  • Einfahrt Theaterplatz - Badstrasse (läge an meinem normalen Weg)

  • Durchfahrt Stadtturm (läge an meinem normalen Weg)


  • Die Überwachung ist permanent - im Vergleich damit ist Google Street View harmlos und erst noch lustiger.

    Natürlich ist diese Überwachung genau reglementiert. Die Reglemente sind auch öffentlich zugänglich (Videoüberwachung). Da steht auch, welcher Personenkreis auf die Daten Zugriff hat. Was bei Google Street View ein Riesenthema war, der öffentliche Zugang zu den Daten, ist scheinbar bei der Überwachung in Baden nicht möglich.

    Es sei denn, man sei bei der Stadtpolizei angestellt und habe Zugriff auf die Daten. Da dürfen dann ohne weitere Kontrolle Videos veröffentlicht werden. Und das geschah leider. Darüber wurde auch im Tages Anzeiger berichtet. Das beweist, dass die Kontrolle über vorhandene Daten unmöglich ist.

    Während des kommenden Badener Stadtfestes werden einige bei der Badener Stadtpolizei angestellten Personen massiv Überzeit leisten müssen, um die Videos von über 200 Kameras innert nützlicher Frist auswerten zu können. Die Daten müssten eigentlich nach 72 Stunden gelöscht werden.

    Besonders anstrengend wird es wohl im Blinddarm sein. Laut Reglement dient nämlich die Videoüberwachung dem Zweck, "Sachbeschädigungen an den Ladeneinbauten/Glasfronten und an der Kunst am Bau (da sind wahrscheinlich nicht Graffiti gemeint) zu verhindern und zu ahnden und Körperverletzung, Diebstahl und Raub präventiv entgegenzuwirken (?!?)  bzw. zu deren Aufklärung beizutragen."

    Also, liebe Festbesucher, hütet euch vor Kameras, die eine Umarmung als Angriff auslegen und Euch verhaften wollen!

    Wenn Ihr zufällig bei einer Wertstoffsammelstelle vorbei geht, macht das zügig und ohne Schlendrian, denn

    "Zweck der mobilen Videoüberwachung von Wertstoffsammelstellen ist

    1. der Missachtung der Benützungszeiten, dem vorschriftswidrigen Deponieren und Entsorgen von Abfällen sowie der Benützung der Sammelstellen durch Unberechtigte (nicht in Baden wohnhafte Personen) präventiv entgegenzuwirken

    2. Verstösse gegen die erlaubten Benützungszeiten, die vorschriftsgemässe Abfallentsorgung und die Benützungsberechtigung aufzuklären."


    3. Nicht in Baden wohnhaften Personen empfehle ich, Wertstoffsammelstellen weiträumig zu umgehen (Umleitungen sind leider nicht angezeigt). Am besten meidet man Baden während des Stadtfestes. Oder man verhandelt mit der Stadtpolizei um die Nutzungsrechte der Daten. Das gäbe eine interessante Diskussion über das Urheberrecht!

      Um zum Titel zurück zu kommen: meine Freude auf das Stadtfest ist ziemlich getrübt und die freie Wahl ziemlich eingeschränkt. Aber wahrscheinlich gehe ich trotzdem - und wehe dem, der mich videoüberwacht! (Diese Warnung gilt für alle Geschlechter!)

      Deshalb unterstütze ich die Piratenpartei - die setzt sich ein für den Schutz der Privatsphäre.

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