Montag, 27. März 2017

Marketing und Privatsphäre

Dieser Tage gab es einen grossen Aufschrei. Ein shitstorm war es nicht gerade, aber offensichtlich haben sich ein paar Leute aufgeregt.
„Weshalb denn?“ fragen Sie sich. Eine berechtigte Frage. Da hat es doch tatsächlich die Swisscom gewagt, die Kunden entscheiden zu lassen, was sie (die Swisscom) mit den Kundendaten machen darf und was eben nicht. Gleichzeitig hat die Swisscom neue AGB geschaffen und den Kunden zugestellt. Die sind genau so einseitig wie diejenigen anderer Firmen auch. Wer sie nicht akzeptiert, kann mit der Swisscom keine Geschäfte machen.
Die Zeitschrift saldo (deren Zweck ist nach eigenen Angaben Dienstleistungen für Konsumentinnen und Konsumenten“) hat die AGB gelesen. Ich auch. Da ich die Rechnungen normalerweise rechtzeitig bezahle, stört mich die höhere Mahngebühr nicht. Und den Ratschlägen der Swisscom bin ich gefolgt. Ich habe die Einstellungen für die Verwendung meiner Daten so eingestellt, wie es mir passt.
Der Verlag Konsumenteninfo AG, der die Zeitschrift saldo herausgibt, bezieht die Adressen für Werbekampagnen von einem Adressenhändler. Das ist nichts Anrüchiges, man kann das ja stoppen. Das habe ich auch getan, nachdem mir saldo eine Probenummer geschickt hat. Der EDÖB hat da schon ziemlich gute Formulare bereit. Es ist aber immer Arbeit und Porto damit verbunden, nützt aber meistens.

Ein weiterer Betrieb, an dem der Bund stark beteiligt ist, ist die SBB AG. Da habe ich etwas sehr Erfreuliches erlebt. Ich habe mein GA 2. Klasse erneuert. Hat alles geklappt. Nur die Mitfahr-Tageskarte vermisste ich. Auf meine Nachfrage hin teilte mir die zuständige Abteilung der SBB mit:

Am 3. März 2016 haben Sie uns mitgeteilt, dass die SBB Ihre Daten nicht für Marketingzwecke benutzen darf. Da die Mitfahr-Tageskarte ein Teil des Marketings ist, haben Sie diese nicht erhalten.“

Ha! Hatte ich total vergessen! Also eigentlich kann ich mich nicht mehr daran erinnern, dass dieser Gutschein ein Teil des Marketingkonzeptes war.

Ich habe dann der SBB geschrieben, dass ich auch in Zukunft nicht Teil des Marketings sein möchte. „Verstehen Sie mich nicht falsch“ habe ich geschrieben, und erklärt, weshalb ich kein Fan der Erhebung von Personendaten für Marketingzwecke bin:

Ich habe nichts gegen Werbung. Auf unserem Briefkasten klebt auch kein Werbeverbots-Kleber. Die Werbung, die dort hinein flattert ist jedoch neutral, sie erlaubt mir, aus allen Angeboten zu wählen.

Anders sieht es aber aus mit der Werbung aufgrund meiner irgendwo irgendwann irgendwie vorhandenen Daten. Normalerweise sind ja nebst meiner Adresse noch mein (gegenwärtiges) Geschlecht und mein Geburtsdatum gespeichert. Dann kriege ich nur noch Werbung für Herrenkleider (statt Nachthemden für Damen, als Geschenk für meine Gattin). Oder Hörgeräte, weil ich offensichtlich zu der Kategorie der Schwerhörigen gehöre (Jahrgang). Oder Mittel gegen Inkontinenz. Oder Kataloge von Drogerien oder Apotheken.

Und derartige - meistens nicht sehr zarten - Hinweise über mein sich im Eiltempo verschlechternder Gesundheitszustand oder - noch schlimmer - mein bevorstehendes Ende möchte ich eben nicht schriftlich haben.

Ich träume davon, dass ich zu der Zielgruppe der Zigarren rauchenden, Pfeife schmauchenden, Single Malt und Abricotine trinkenden Supertypen gehören würde. Aber da die Zuordnung zu Zielgruppen ja nicht durch denkende Menschen erfolgt, wird das wohl für immer ein Traum bleiben.


P.S.: Friedhofsverwaltungen haben mich noch nicht beworben, bei uns sind die noch nicht privatisiert. Wenn das mit den elektronischen Patientendossiers kommt, tun sich da Hackern ganz neue Geschäftsfelder auf….

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